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Als ich Mitte dreißig war, arbeitete ich als Physiker
in der Entwicklungsabteilung eines großen Elektokonzerns.
Ich hielt mich für ziemlich sportlich und hatte gerade mit
Aikido angefangen. Dennoch fühlte ich mich steif und unbeweglich
und litt unter häufigen Rückenschmerzen, die sich mehrmals
jedes Jahr bis zu massiven Lumbalgien (Hexenschuss) steigerten.
Ich erinnere mich, dass einmal sogar der Notarzt kommen musste,
um mir Muskelrelaxantien zu spritzen, da ich mich überhaupt
nicht mehr bewegen konnte. Mein Körper fühlte sich an
wie im eisernen Griff spastischer Muskelkontraktionen gefangen.
Natürlich unternahm ich das Übliche, bekam Massagen verschrieben
und konsultierte mehrere Orthopäden. Dabei wurde ein Beinlängenunterschied
von fast zwei Zentimetern und ein Diskusprolaps L4/L5 diagnostiziert.
Kernspintomographie war damals noch nicht sehr verbreitet, sonst
wären wahrscheinlich noch weitere beunruhigende Sachverhalte
festgestellt worden. Und was passierte therapeutisch? Ein Orthopäde
wollte mir zum Ausgleich meiner verschieden langen Beine Einlagen
verschreiben, ein anderer meinte, ich solle mich auf keinen Fall
allzu sehr sportlich betätigen, da sonst schnell eine Operation
an der Wirbelsäule fällig sein könnte. Natürlich
war ich beunruhigt und verzweifelt, das konnte ja nicht die Perspektive
für mein weiteres Leben sein.

In dieser Situation begegnete ich der Isogai-Therapie. Mitte der
achtziger Jahre hatten wir auf einer Aikidotrainingsreise nach Japan
den Aikidomeister Nobuyuki Watanabe Shihan vom Hombu Dojo in Tokio
kennen gelernt, der bald darauf von uns eingeladen wurde und für
einen längeren Aikidolehrgang nach München kam. Außer
Aikido brachte er die Isogai-Therapie mit. Für die meisten
von uns war es eine Offenbarung, im ganzen Körper aus- und
aufgerichtet zu werden und mit diesem neuen Körpergefühl
zu beginnen uns zu bewegen.
Für mich selbst begann eine entscheidende Zeit der Beschäftigung
mit meinem Körper, seinen strukturellen Verschiebungen und
den dadurch ausgelösten Beschwerden. Ich registrierte erstmals
bewusst die Bewegungseinschränkung meines linken Hüftgelenkes,
meinen Beckenschiefstand und die dadurch hervor-gerufene Skoliose,
die sich nach oben bis zu einer für mich damals typischen Schrägstellung
von Hals und Kopf fortpflanzte. Plötzlich konnte ich auch auf
alten Fotos meine verschobene Körperstruktur erkennen und erinnerte
mich, dass ich schon als Kind beim Brustschwimmen meine Beine niemals
symmetrisch bewegen konnte. Wahrscheinlich war ich schon mit einer
mäßiggradigen Hüftgelenks-dysplasie, einem sehr verbreiteten
Geburtsfehler, auf die Welt gekommen. Aber ich begann nicht nur
die tieferen Ursachen meiner Probleme zu verstehen, ich hatte jetzt
auch Mittel an der Hand, mich davon zu befreien, und das tat ich.
Im folgenden Jahr reiste ich für mehrere Monate nach Japan,
ließ mich von Watanabe Sensei nochmals intensiv in die Selbstbehandlung
nach der Isogai-Therapie einweisen und praktizierte sie dann mehrere
Jahre lang regelmäßig.
Es dauerte eine Weile, bis die Inputs zur Umstrukturierung meines
gesamten Körpergefüges und meiner Haltungs- und Bewegungsgewohnheiten
zu greifen begannen. Aber irgendwann konnte ich es selbst sehen:
Meine Schiefheiten nahmen ab, mein Becken stellte sich horizontaler,
meine Beinlängen glichen sich an und vor allem - meine Beschwerden
nahmen ab. Ich begann mich in meinem Körper wieder wohl zu
fühlen, es war als sei ich wieder zu Hause angekommen. Es ging
sehr tief. Es ging so tief, dass ich einige Jahre später meinen
alten Beruf verließ, mich weiteren Ausbildungen in Körpertherapie
unterzog und die Heilpraktikerprüfung ablegte. Ich begann, meinen Traum zu leben und als Körpertherapeut und Aikidolehrer zu arbeiten. Die Isogai-Therapie
wie auch einzelne einfache Übungen daraus für das selbständige
Arbeiten sind jetzt fester Bestandteil meiner Arbeit als Körpertherapeut.
Bertram Wohak
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